Geflohen

Yaser

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Seine Eltern hatten ein gutes Leben in Afghanistan. Sein Vater war ein erfolgreicher Goldhändler. Yaser wurde vor 16 Jahren geboren. Er ist der zweitälteste von vier Kindern. «Mir gefiel unser Leben in Afghanistan», sagt Yaser. Das Goldgeschäft lief gut. Die Familie hatte ein grosses Haus und war glücklich. Doch dann traten die ersten Probleme auf. Aus Sicherheitsgründen der Familie gegenüber, können hier keine Details über die Fluchtursache genannt werden. «Wir waren nicht so stark um dagegen zu kämpfen und so mussten wir fliehen.» Ganz genau kann Yaser sich jedoch nicht an diese Zeit erinnern. Er war ja auch noch sehr klein. Yaser weiss aber, dass sie nie in Frieden hatten leben können. Darum haben sie sich vor sieben Jahren von ihrem alten Leben verabschiedet und auf den schwierigen Weg in die Schweiz gemacht. 

Die Situation in Afghanistan habe sich so zugespitzt, dass es der Familie nicht mehr möglich war, dort zu bleiben. In den letzten Monaten in ihrer Heimat war der Vater mit der Planung und Organisation der Flucht beschäftigt. 

 
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Afghanistan

Afghanistan besteht grösstenteils aus Gebirgsland. Im Land leben rund 35 Millionen Menschen. Über 99 Prozent der Afghanen sind Muslime. Afghanistan ist geprägt von Machtkämpfen verschiedener bewaffneter Milizen, darunter auch die Taliban, die jedes Jahr das Leben tausender Zivilisten fordern. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Amerika, wurde das Taliban-Regime gestürzt und seither herrscht in Afghanistan Krieg.

Seit dem Jahr 1980 sind mehr als sechs Millionen Afghanen nach Pakistan und Iran geflohen, wobei viele wieder in ihr Heimatland zurückkehrten. Die Kämpfe im Jahr 2001 lösten erneut eine Flüchtlingswelle aus. Diese hält bis heute an, denn der Islamische Staat als auch die Taliban lassen die Bewohner des Landes nicht in Frieden. 


Wir wussten nicht wohin wir gehen, wie lange wir wegbleiben und wo wir durchreisen

 

Als die Familie die Grenze zu Pakistan überquerte, war dies der erste, kleine Schritt in Richtung Freiheit. Sie reisten zu Fuss und mit dem Bus weiter bis in den Iran. «Dies war der schwerste Abschnitt», meint Yaser.

 

Ich kann mich erinnern, dass wir tagelang gelaufen sind – ohne Pause. Da hatten wir auch nichts zu trinken – und auch nichts zu essen.

 

«Unterwegs habe ich eine Familie mit kleinen Kindern gesehen. Die Frau war schwanger und sie waren sehr erschöpft, doch wir konnten nicht anhalten und helfen, weil unsere Gruppe weitergelaufen ist.» Hätte er angehalten, hätte er seine Gruppe verloren. Yaser weiss nicht was aus diesen Menschen geworden ist. Er hofft, dass auch diese Familie irgendwo sicher angekommen ist und überlebt hat.

Auch Yasers Grossmutter konnte wegen ihrer Altersschwäche nicht mehr gehen. Je länger die Reise dauerte, desto schwächer wurde sie. «Mein Vater hat meine Grossmutter immer auf seinem Rücken getragen und ihr so das Leben gerettet.»  

Auf der Flucht war der jüngste Bruder von Yaser noch ein kleiner Junge. Sein Vater trug ihn während der ganzen Flucht auf den Schultern. 

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Das stundenlange Gehen, hinterliess Spuren bei der Familie. «Wir hatten sehr viel Muskelkater und alles hat uns Schmerzen bereitet», erzählt Yaser. Noch nie in seinem Leben sei er so viel gelaufen. «In Pakistan haben wir neue Schuhe gekauft, die wir bis in den Iran getragen haben.» Danach waren diese Schuhe nicht mehr zu gebrauchen. «In jedem neuen Land, das wir erreichten, hat mein Vater uns ein neues Paar Schuhe gekauft.» Das sei nötig gewesen. Unterwegs plagten sie nicht nur ihre Füsse, sie wurden auch von Mücken attackiert. «Vor allem meine Mutter und meine Schwester waren mit Mückenstichen übersäht.» Das sei nicht mehr normal gewesen. Aber ihnen blieb nichts anderes übrig als weiter zu gehen. «Vom Iran in die Türkei war es eine sehr mühsame und lange Strecke durch das Gebirge», erzählt Yasers Vater. Er habe dort zwei Pferde organisiert und so konnten seine Mutter, seine Frau und seine Tochter abwechselnd reiten und mussten nicht immer zu Fuss gehen.  


In Istanbul hielten sie sich eine Woche auf. Von dort aus fuhren sie weiter mit dem Boot nach Griechenland. 

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Diese Bilder

hat Yasers Vater von Afghanistan mitgebracht und die ganze Flucht bei sich getragen." Meine Söhne sollen sich daran erinnern, was ich in Afghanistan gearbeitet habe", sagt er. Heute hängen diese Fotos im Wohnzimmer der Familie. "Wenn meine Söhne ausziehen, schenke ich ihnen ihr Bild."

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«Die Schlepper erzählten uns später, dass im Fluss Krokodile und Haie lebten», erzählt Yaser. Sein Vater und die zwei weiteren Männer, die geschwommen sind wussten nichts davon. «Mein Vater kam heil in Griechenland an, aber ich glaube den anderen zwei Männern ist etwas passiert, wahrscheinlich sind sie gestorben.» Eine Nachbarin von Yaser fügt hinzu: «Wir haben recherchiert und herausgefunden, dass es an diesem Ort keine Krokodile gibt». Sie glaubt, dass die Polizei dieses Gerücht verbreitete, damit nicht mehr Leute selbstständig das Wasser überqueren. 


Von Griechenland aus wollte die Familie weiter in die Schweiz fliehen. «Meine Mutter und meine zwei jüngeren Brüder versuchten als Erste mit einem Schlepper zu fliehen», erzählt Yaser. Dies hat geklappt und sie kamen schon beim ersten Versuch in der Schweiz an. Der Schlepper gab Yasers Mutter den Pass von seiner Frau und die Brüder bekamen den Pass von dessen Kindern. Mit dem Schiff fuhren sie dann von Griechenland nach Italien. Dort liess der Mann sie alleine und sie reisten mit dem Zug in die Schweiz. «Den Schlepper haben wir später wieder in Griechenland gesehen.»

Yasers Versuch mit seiner Schwester und einem Schlepper in die Schweiz zu reisen hat nicht funktioniert und so mussten sie zurückbleiben und in Griechenland warten. Unterdessen konnte Yasers Vater über einen Bekannten eine Wohnung mieten, in der sie noch weitere drei Monate wohnen konnten. So wurden Yaser, seine Schwester, sein Vater und seine Grossmutter von einem Flüchtlingscamp verschont. Schlussendlich hat die Mutter von Yaser einen Weg vorbereitet, die ganze Familie wieder zusammen zu bringen. «Meine Mutter beauftragte in der Schweiz einen Anwalt, ein Visum für uns zu beantragen, sodass wir in die Schweiz einreisen konnten.» Das hat geklappt und die restlichen Familienmitglieder konnten ihr Visum auf dem Schweizer Konsulat abholen und in die Schweiz fliegen. 

«Das Wiedersehen am Flughafen war ein sehr spezieller Moment», erzählt Yaser mit leuchtenden Augen, so als erlebe er die Situation in diesem Moment noch einmal. «Wir waren alle sehr glücklich, als wir meine Mutter und meine zwei Brüder am Flughafen wiedergesehen haben.»

Die Mutter hat in einem Asylheim in Winterthur gewohnt. «Wir durften dann zwei Tage bei ihr verbringen, bevor wir in unser erstes Asylheim nach Kreuzlingen gekommen sind.» Danach wurde die ganze Familie im Zürcher Oberland untergebracht, wo sie auch heute noch wohnen.


Vor wenigen Wochen konnte die Familie in ihre erste eigene Wohnung ziehen. Auch erhielten sie kürzlich die erfreuliche Nachricht, dass sie in der Schweiz aufgenommen sind und hierbleiben dürfen. Yaser steht also nichts mehr im Weg, bald eine Lehre zu beginnen. «Am liebsten möchte ich Automechaniker werden», sagt er. 

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