Geflohen

Schiar

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Wie alle männlichen Syrer, musste auch Schiar im Jahr 2010 seinen Militärdienst in Syrien antreten. Die Dienstzeit beträgt dort normalerweise ein Jahr und sechs Monate. «Als dann jedoch der Krieg ausgebrochen ist, musste man dem Militär dienen bis man stirbt oder der Krieg beendet ist», sagt der 28-Jährige.

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Bürgerkrieg Syrien

Seit 2011 herrscht in Syrien ein Bürgerkrieg. Dabei stehen den Streitkräften der arabischen Republik Syrien mit Oberbefehlshaber und Präsident Baschar al-Assad bewaffnete Gruppierungen von Regierungsgegnern gegenüber. Die Zahl der getöteten Menschen im syrischen Bürgerkrieg wird von Experten auf 500'000 geschätzt. 2015 waren etwa 11,5 Millionen Syrer auf der Flucht. Davon schafften es mindestens fünf Millionen Syrien zu verlassen. Der Krieg hat eine der schlimmsten Flüchtlingskrisen in der Geschichte Europas ausgelöst.

Nach wenigen Wochen im Militär war Schiar fast nicht mehr zu erkennen. «Ich habe so stark abgenommen, weil das Essen so schlecht war», erzählt der Syrer. Das Essen sei mit Fliegen übersäht gewesen, die nicht von seinem Essen weichen wollten. Dies verdarb ihm jedes Mal den Appetit. Auch das Klagen beim Chef hat nichts geholfen. «Auf allen meinen Fotos aus dieser Zeit sehe ich so anders aus und erkenne mich fast selber nicht.» Eigentlich habe er schon immer wohlgenährt ausgesehen, doch in dieser Zeit war er stark abgemagert.

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Ich möchte nach Hause gehen, ohne jemanden geschlagen oder getötet zu haben

 

«Ich konnte und wollte nicht das tun, was mein Chef von mir verlangte», erzählt Schiar. Nach weiteren neun Monaten und drei Tagen im Militär begab er sich auf die Flucht.

Die Militärstation war ausserhalb der Stadt Aleppo stationiert. «Es war mitten in der Nacht und alle schliefen, als ich mich davon schlich», erzählt Schiar. Er konnte nicht auf der Strasse gehen, weil ihn da andere Leute oder die Polizei entdeckt hätten. So flüchtete er mit Abstand zur Strasse, manchmal gehend und manchmal rennend, bis er nach ein paar Stunden zu einer Brücke kam. Von dort aus fuhr ihn ein Taxi bis in die Stadt.

Schiar hat fünf Onkel, die alle in Aleppo wohnen. Als er am frühen Morgen in der Stadt ankam ging er zu einem seiner Onkel. Dort blieb er ein paar Tage, bis der Onkel einen Freund und Besitzer einer Umzugsfirma fand, der sich dazubereit erklärte, Schiar bis nach Qamischli, eine Stadt an der Grenze zur Türkei, zu bringen.

Schiar ist kurdischer Syrer, dass heisst er gehört zur kurdischen Volksgruppe in Syrien. Nachdem Schiar in Qamischli angekommen ist, merkte er bald, dass die Polizei dort mehrheitlich arabisch war. Das war ein grosses Problem für ihn, denn vor der arabischen Polizei war er nicht sicher. «Ich wusste nie, was sie machen und wenn sie mich fänden, hätten sie mich getötet.» Dann hat Schiar seinen Vater angerufen und ihn um Hilfe gebeten. Mit dem Taxi fuhren sie eine halbe Stunde ins benachbarte Tirbespi. Die meisten Einwohner dieser Stadt sind Kurden, dort sollte er sicher sein. 

«Es gab immer einen Wechsel von arabischer Polizei und kurdischer Polizei», erzählt Schiar. Früher war in Tirbespi das arabische Militär gewesen aber bevor Schiar dort ankam, gab es einen Wechsel und die kurdische Polizei war wieder vor Ort. 

Der gelernte Schneider hat sich in Tirbespi wohl gefühlt. «Ich war für den Moment in Sicherheit und konnte endlich wieder meinen Beruf ausüben.» 

Der junge Syrer ist Schneider und konnte in Tirbespi seinen eigenen Stoffladen führen. Gleich gegenüber von seinem Laden wohnte Simaf mit ihrer Familie. Die junge und schöne Syrerin und Schiar lernten sich immer mehr kennen heirateten bald. «Wenn man in Syrien heiratet wird die Frau in das Familienbuch des Mannes hineingeschrieben», erklärt Schiar. Dafür hätte er ins Stadthaus gehen müssen. «Das war jedoch schwierig für mich, weil ich von der Polizei gesucht war.» Lächelnd fügt seine Frau Simaf an: «So ging einfach ich auf das Amt und nun steht Schiar in meinem Familienbuch.» Das folge zwar nicht der syrischen Tradition, ist aber genauso möglich.

Schiar lebte zwei Jahre in Tirbespi bis die Leute darüber redeten, dass die arabische Polizei bald wieder in die Stadt kommen werde. «Mein Vater sagte mir dann, dass sei eine Katastrophe und ich müsse jetzt von dort verschwinden.» 


Bitte komm, wir müssen gehen. Wenn die Polizei uns sieht, werden sie uns schlagen

Auch Simaf hatte grosse Angst, als sie die Grenze überquerten. «Ich musste immer daran denken was mit uns passieren würde, wenn die Polizei uns erwischt», erzählt die 23-jährige. Die junge Syrerin hat mit dieser Flucht ein grosses Risiko auf sich genommen. «Ich hätte nicht mitgehen müssen, aber ich konnte meinen Mann auch nicht alleine gehen lassen, deshalb bin ich mitgegangen.» Simaf war zu dieser Zeit bereits im dritten Monat schwanger und so war die Flucht - besonders das lange Kriechen an der Grenze - eine grosse Anstrengung für sie. «In diesem Moment, habe ich nur noch funktioniert und wollte einfach leben.» 

Mit dem Bus reisten die Beiden weiter nach Istanbul. Dort lebt Simafs Schwester mit ihrem Mann. «Zum Glück konnten wir ein paar Tage bei ihnen bleiben. Sie vermittelten uns den Kontakt eines Lastwagen-Fahrers», berichtet Schiar. 

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Ein paar Tage zuvor starben 75 Menschen in einem Kühltransporter. «Ich hatte jedoch keine Angst, dass wir nicht in der Schweiz ankommen werden», sagt Schiar mutig. Ihr Fahrer machte nie Probleme und sei sehr vertrauenswürdig gewesen. Bereits Schiars Cousin kam mit demselben Fahrer nach Europa. Es sei sehr wichtig, dass man einen Fahrer über einen Bekannten finde, denn so könne man sich sicher sein, dass man ankommen wird und der Fahrer einem nicht belügt


Schiar und Simaf und ihre mittlerweile zwei Töchter haben schon nach zwei Jahren in der Schweiz ihren B-Status erhalten. Das dies so schnell vorwärts ging, liegt wohl auch daran, dass Schiar seinen Militärausweis bei sich hatte und man so seine Geschichte überprüfen konnte. 

Schiars Militärausweis von Syrien. Er besitzt nur eine Kopie, da das Original bei der politischen Gemeinde aufbewahrt wird.

Schiars Militärausweis von Syrien. Er besitzt nur eine Kopie, da das Original bei der politischen Gemeinde aufbewahrt wird.

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«Vielen Dank Schweiz, dass ihr uns so viel geholfen habt, seid wir hier angekommen sind», sagt Schiar. Es sei nicht selbstverständlich und er sei dankbar für alle Schweizer, die ihnen schon geholfen haben. Die junge Familie liebt es, Kontakt zu anderen Menschen zu pflegen, zusammen Zeit zu verbringen und mit ihrem syrischen Essen anderen eine Freude zu machen. 


Schiar macht zurzeit ein Praktikum in einer Wäscherei und Schneiderei. «Ich bin so froh darf ich etwas arbeiten gehen», sagt er begeistert. Sein Vorwissen aus Syrien hilft ihm sehr. «Der grosse Unterschied beim Arbeiten ist, dass ich hier viel genauer abmessen muss, als ich es in Syrien getan habe.» Die schweizer Genauigkeit muss er sich noch besser antrainieren. Simaf besucht jeden Morgen den Deutschunterricht und macht jedes Mal Fortschritte. «Endlich kann ich mich besser mit den Leuten unterhalten.»