Geflohen

Mirzad

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Mirzads früheres Leben in Taloqan, Afghanistan, unterschied sich drastisch von demjenigen Leben, das er heute in der Schweiz führt. In seinem Heimatland war er ein beschäftigter und engagierter junger Mann. Nach dem Jus-Studium arbeitete er als Anwalt in einer Kanzlei. Seine Tage startete er um sechs Uhr früh mit Sport. «Um acht Uhr war ich dann spätestens in meinem Büro», sagt er. «Ich hatte einen guten Job, eine tolle Familie und ein schönes Leben.» Nach der Arbeit spielte er oft Fussball und gab sein Talent als Fussballtrainer auch an junge Spieler weiter. Mit leuchtenden Augen fügt er an: «Das war meine grosse Leidenschaft.» Jeden Freitagabend feierte er mit seinen Freunden auf Partys.«Ich liebte mein Leben!» Er liebte es einfach, mit seinen Freunden und seiner Familie Zeit zu verbringen. Er war ein gewöhnlicher junger Mann mit einem normalen Leben. 

 

Ich hatte alles dort. Ich wollte nicht fliehen.
Aber ich hatte keine andere Möglichkeit.

 

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Die Taliban

Die islamische Talibanbewegung Afghanistans ist ein militärischer Verband, der erstmals im Jahre 1994 in der südlichen Stadt Kandahar in Erscheinung trat. Ihre fundamentalistische Ideologie verletzt jegliche Menschenrechte. Sie unterdrücken Frauen, verüben Massaker und Terroranschläge und führen ein Netzwerk des Menschenhandels. Von September 1996 bis Oktober 2001 beherrschte die Taliban grosse Teile Afghanistans, bis sie 2001 durch die Nationale Islamische Vereinte Front in Zusammenarbeit mit amerikanischen und britischen Spezialeinheiten gestürzt wurden. Im Jahr 2003 formierte sich die Terrormiliz in Pakistan neu. Seither verübt sie gezielte terroristische Anschläge und systematische Kriegsverbrechen vor allem gegen die wehrlose, afghanische Zivilbevölkerung. In den Jahren 2009 und 2010 waren die Taliban für über dreiviertel der zivilen Todesopfer in Afghanistan verantwortlich, was ein Bericht der Vereinten Nationen zeigt. 

«Ich blieb noch einen weiteren Monat in Afghanistan», erzählt Mirzad. Aus Sicherheitsgründen lebte er nicht mehr in seinem Zuhause, sondern konnte bei einem Bekannten wohnen. Er verkaufte sein Auto und sein Motorrad und begann seine Flucht zu planen. «Mein Bruder hat mir viel in den Vorbereitungen geholfen und zusammen haben wir einen Mann gefunden, der mir helfen konnte zu fliehen.» Alleine hätte er es nicht geschafft, sagt er.

 

Nach zwei Wochen hatte er zum ersten Mal die Möglichkeit mit seiner Familie in Kontakt zu treten. «Als ich meine Mutter im Iran zum ersten Mal angerufen habe, habe ich mich geduscht und neue Kleider angezogen. Ich habe ihr dann gesagt dass es sehr einfach war hierherzukommen.» erzählt Mirzad. Seine Mutter wäre krank geworden wenn sie gewusst hätte was er alles erlebt hat. 

Über einen Monat war Mirzad unterwegs, um von Afghanistan über Pakistan und den Iran bis in die Türkei zu gelangen. Während seiner Flucht, terrorisierte die Taliban weiterhin seine Familie in Afghanistan.

 
 
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Mirzads Bruder

musste nach dem Angriff der Taliban eine Woche im Spital bleiben

 

Mirzad konnte auf der Flucht nichts mehr gegen die Taliban ausrichten. Auch den Tod seines Vaters konnte er nicht verhindern. Durch diese traurige Nachricht wurde die Last seiner Reise noch grösser als sie schon war. Zu wissen, dass sein Vater seinetwegen umgebracht wurde, war sehr schwierig zu verarbeiten. Doch die Reise musste für ihn weitergehen.

Nach der Ankunft in Griechenland bekam Mirzad eine schrifliche Aufenthaltsbewilligung von einem Monat. «Innerhalb dieses Monates musste ich wieder ausreisen, doch ich konnte nicht.» Die Grenzen wurden geschlossen gehalten und Mirzad konnte nicht aus dem Land ausreisen. Nachdem der Monat vergangen war, wurde er von der örtlichen Polizei festgenommen, weil seine Papiere abgelaufen waren. «Ich musste für drei Monate ins Gefängnis.» Doch auch als er wieder freikam, waren die Grenzen noch geschlossen. So musste er sich einen anderen Weg überlegen, um auf seiner Reise weiterzukommen.

 

Niemand wusste wo und wann wir sterben werden.

 

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«Von Italien bis in die Schweiz bin ich dann mit dem Zug gekommen.» Dies sei der einfachste Abschnitt der langen Reise gewesen, sagt Mirzad.


Bis zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, in welchem Land er schlussendlich einmal bleiben würde.«Ich habe mich erkundigt, wo ich Asyl beantragen kann. Jemand sagte mir ich könne überall Asyl beantragen.» Also wollte er nach Deutschland gehen. «Ich wurde informiert, dass der Weg nach Deutschland am einfachsten durch die Schweiz führt.» Nach Ankunft in der Schweiz lernte Mirzad einen Afghaner kennen. «Er hat mir gesagt, dass ich in der Schweiz bleiben soll, die Situation sei besser als in Deutschland.» Also ist Mirzad in der Schweiz geblieben und lebt nun bereits seit einem Jahr und sieben Monaten hier.

 

Das neue Zuhause von Mirzad.

 
 

"Aller Anfang ist schwer"

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Der junge Mann lernt nun fleissig Deutsch. Er besucht an fünf Abenden verschiedene Deutschkurse. «Am liebsten würde ich, nachdem ich in der Schweiz aufgenommen werde, auch hier noch einmal Jus studieren.» Dass er in der Schweiz je wieder als Anwalt arbeiten kann, ist sehr unwahrscheinlich, darum wird er vermutlich eine Lehre als Logistiker machen, sobald er aufgenommen wurde.

Mirzad ist sehr diszipliniert. Während seine Mitbewohner in den Tag hineinschlafen und keiner Tätigkeit nachgehen, bemüht er sich, einen geregelten Tagesablauf zu pflegen.«Ich stehe frühmorgens auf und setze mich an meinen Schreibtisch um die deutsche Sprache immer besser zu beherrschen.» An seiner Wand hängen ausgedruckte Seiten und Notizen mit den Formen verschiedenster unregelmässiger Verben. 

 
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Fussball ist seine grosse Leidenschaft. «Früher in Afghanistan habe ich Kindern Training gegeben», erzählt er. Dies vermisse er sehr. Doch auch hier spielt er selber noch leidenschaftlich gerne Fussball. Er trainiert zweimal die Woche in einer gemischten Mannschaft.

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Die Fussballmannschaft,

die Mirzad in Afghanistan trainiert hat.

Sein Leben in Afghanistan bekommt er nie mehr zurück. Nun ist es an ihm, das Beste aus seiner Zukunft in der Schweiz zu machen. Bis er die Aufenthaltsbewilligung B bekommt, kann er nichts anderes tun als abwarten und Deutsch lernen.

"Mein Körper ist in Sicherheit, aber mein Geist ist nicht in Sicherheit"

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